DEN DIGITALEN ZUGANG ZU HÖRGERÄTEN ERMÖGLICHEN

audibene

Beim Hörgeräteakustiker audibene aus Mainz läuft (fast) alles digital – damit werden die Zugangshürden zu Hörgeräten deutlich gesenkt. Das Mittelstand-Digital Zentrum Kaiserslautern hat dem Unternehmen im RheinCampus Mainz einen Besuch abgestattet.

Sie möchten gründen – das war Marco Vietor und Paul Crusius bereits im Studium an der WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar klar. Beide machten nach dem Abschluss unterschiedliche Berufserfahrungen – und fanden 2011 wieder zusammen. Damals stand für Crusius‘ Großmutter der Kauf eines Hörgerätes an – mit allem, was dazugehört. Denn Hörgeräte sind in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch verpönt. Viele Menschen denken an das Hörgerät mit auffälligem Bügel, oft möchten Menschen nicht wahrhaben, dass sie auf ein solches Gerät angewiesen sind. Und dann kommen da noch die

Die Mitarbeitenden arbeiten vor Ort und im Homeoffice – die Beratung bei audibene erfolgt digital. Fotos: Mittelstand-Digital Zentrum Kaiserslautern / A. Sell

vielen Hürden beim Kauf dazu: Wer einem Hörgerät sowieso schon ablehnend gegenüber steht, der möchte wohl eher nicht zum Hörgeräteakustiker in die Innenstadt gehen und sich stundenlang beraten lassen. Diese Erfahrung müsste doch besser gehen, das dachten sich zumindest Crusius und Vietor. Die beiden digitalaffinen Gründer hatten dann eine zündende Idee: „Online ist ein sehr guter Weg, um sich dem Thema zu nähern“, erklärt Vietor im Rückblick. Mit dieser Idee hat er Recht behalten sollen. „Die Hörgerätebranche ist noch unglaublich analog, die Kunden sind aber schon sehr digital“, so Vietor. Denn: Hörgeräte sind mitnichten mehr etwas für Rentnerinnen und Rentner. Stattdessen ist Hörverlust mittlerweile eine Volkskrankheit. „Jeder dritte Mensch über 55 hat einen Hörverlust“, weiß der Unternehmer. Diese Generation ist bereits mit digitaler Technik vertraut, nutzt sie im Alltag zielsicher. Warum also nicht auch beim Hörgerätekauf?

Marco Vietor hat das Unternehmen zusammen mit Paul Crusius gegründet.

Von der Idee zum international agierenden Unternehmen

„Wir haben die Möglichkeit gesehen, einen vergleichsweise digitalen Spieler in einer vergleichsweise analogen Industrie aufzubauen“, so Vietor. audibene tritt im Grunde auf wie ein herkömmlicher Hörgeräteakustiker, betreibt jedoch keine eigenen stationären Läden. Das bedeutet: Interessenten finden auf der audibene-Plattform allerhand Informationen und die Möglichkeit zur persönlichen Beratung. Zu Beginn läuft das alles digital ab. „Das geht dann auch, wenn man zuhause auf der Couch sitzt und die Fußballergebnisse vom Wochenende liest“, sagt er lächelnd. Für audibene liegt ein großer Teil des Geschäfts in der Aufklärung über die Geräte. Der große Bügel ist in der Vorstellung nach wie vor präsent, tatsächlich sind moderne Geräte aber so klein, dass man sie als Außenstehender so gut wie nicht mehr sieht. Ein telefonisches Beratungsgespräch dauert zwischen 15 und 30 Minuten. Dazu greift audibene auf einen großen hauseigenen Personalkörper an Beratern zurück. Ist das 

Beratungsgespräch erfolgreich, vereinbart der Mitarbeiter direkt einen Termin mit den Partnerunternehmen vor Ort. Denn natürlich kann nicht der ganze Hörgerätekauf online abgewickelt werden – eine einfache Bestellung wie bei Amazon ist aufgrund der notwendigen Anpassung eines jeden Gerätes an das Ohr des Kunden nicht möglich. audibene arbeitet bewusst mit Partnern zusammen, statt selbst Filialen zu betreiben. „Wir haben uns entschieden, keine eigenen Filialen aufzubauen, davon gibt es schon genügend in Deutschland“, weiß Vietor. Für ihn ist die Partnerschaft eine Win-Win-Situation. Denn die Hörgerätebranche ist hart umkämpft. „Wir schaffen es so, die Lücken im Terminkalender der Hörgeräteakustiker zu füllen und die bestehenden Geschäfte zu verbessern“, sagt der Geschäftsführer. Hinzu kommt die Möglichkeit des deutschlandweiten Marketings über audibene. Mittlerweile arbeitet das Unternehmen mit 1300 Fachgeschäften in Deutschland und 5000 Geschäften weltweit zusammen. „Das sind dann inhabergeführte Meisterbetriebe, nicht die großen Ketten“, so Vietor. Die Partner erhalten dann nach dem Kauf eine sogenannte Anpasspauschale.

So sieht es aus, das Hörgerät Horizon von audibene.

Die Steuerung über das Smartphone ist kinderleicht.

Hören bis zum Horizont

audibene hat mit dem „Horizon“ selbst ein Hörgerät entwickelt. Es ist der Vorstoß in einen Markt, der technisch schon gut aufgestellt war. „Wir haben nicht den Wert darin gesehen, das nächste Hörgerät von Null an aufzubauen. Die Geräte, die es bisher gibt, sind eigentlich sehr gut“, so Vietor. Für ihn ist es auch beim eigenen Hörgerät wieder der digitale Ansatz, der einen Vorteil bringt. Statt technisch immer weiter hochzurüsten, hat audibene sein Horizon mit allerhand digitalen Funktionalitäten ausgestattet. Die Bedienung über das Smartphone ist dabei quasi schon der Standard. Die einfache Handhabung über das Mobiltelefon schreckt die Kunden keinesfalls ab. „Mein Vater ist mit seinen 80 Jahren die Person, von der ich am schnellsten die Antwort auf eine WhatsApp-Nachricht bekomme“, sagt Vietor lachend.

Um den Erfolg der eigenen Plattform und Hörgeräte messen zu können, setzt audibene weiterhin auf Digitalisierung. „Wir messen sehr präzise unsere Kundenzufriedenheit“, weiß der Geschäftsführer. Damit kann er genaue Aussagen treffen, der sogenannte Net Promoter-Score, der Netto-Wert an weiterempfehlenden Kunden, liegt dabei bei 70 Prozent. „Das ist in etwa derselbe Wert, den auch Apple oder Porsche haben“, so Vietor.

Aus Rheinland-Pfalz in die Welt

Crusius und Vietor sind sehr stark in Rheinland-Pfalz verwurzelt. Auch die ersten Partner stammen aus der Gegend rund um Mainz und Koblenz. Um ein von Grund auf digitales Geschäftsmodell zu starten, kam aber schnell die Überlegung, nach Berlin zu gehen. Trotzdem haben Crusius und Vietor ihre Wurzeln nicht vergessen. Neben dem Berliner Office liegt audibene jetzt in bester Lage im RheinCampus direkt am Wasser in Mainz. Die Entscheidung dafür fiel unter anderem auch, weil man Menschen die Mitarbeit ermöglichen wollte, die nicht in und um Berlin leben. „Mainz ist natürlich auch sehr günstig gelegen“, so Vietor. Von den beiden Standorten aus ist das gesamte Bundesgebiet gut abgedeckt. Und hinzu kommt: Bei audibene muss niemand dauerhaft im Büro sitzen, die Beratungstätigkeit ist auch aus dem Homeoffice möglich. „Da ist zum Beispiel die Mutter, die aus der Elternzeit zurückkommt, aber keine Lust hat, jeden Tag 30 Kilometer in die Stadt zu pendeln“, sagt Vietor. 

Im RheinCampus in Mainz dreht sich alles ums Ohr.

Aktuell ist es knapp die Hälfte der Mitarbeitenden, die aus dem Homeoffice arbeitet. Das gilt außerdem nicht nur für die deutsche Belegschaft, generell ist der Personalstamm an Beschäftigten größer als im Heimatland: 400 Mitarbeiter zählt audibene in Deutschland, 800 außerhalb. Das ist wichtig, denn durch die Expansion in andere steigt dort auch die Volksgesundheit. Während Hörgeräte in Deutschland von der Krankenkasse übernommen werden, ist das andernorts häufig deutlich schwieriger. Große Expansionsmärkte sind für das Unternehmen deshalb die USA, Indien und Südkorea. „Wir vergrößern den Markt. Das heißt, wir nehmen keinem Mitbewerber etwas weg, sondern wir überzeugen Menschen, dass das Leben mit einem Hörgerät besser ist als ohne“, ist sich Vietor sicher. Die Digitalisierung macht’s möglich.

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Über das Unternehmen: audibene

audibene entstand aus der Idee, den Kauf eines Hörgeräts weitgehend online zu gestalten. Dazu betreibt das Unternehmen einen Pool aus Beratern, die in Telefongesprächen über die Möglichkeiten eines Hörgeräts aufklären, anschließend erfolgt die Anpassung im Laden. audibene ist inzwischen weltweit aktiv, in Deutschland betreibt das Unternehmen Standorte in Mainz und Berlin.

Webseite: https://www.audibene.de/

Unternehmenssitz: Mainz/Berlin

Mitarbeitende: 400 (Deutschland), 800 (international)

Gegründet: 2011

Autorin: Julian Hörndlein

Kontakt

Larissa Theis

Öffentlichkeitsarbeit